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Stein für Stein zur neuen Synagoge
25. April 2017

Der gesetzlich geregelte Raubzug an Juden

Nach ihrem Buch zur Zerstörung der Regensburger Synagoge hat die Journalistin Waltraud Bierwirth ein weiteres Werk zur jüdischen Stadtgeschichte vorgelegt: Schandzeit Regensburg 1933 – 1945.

Zehn Tage nach dem die ersten Regensburger Juden und Jüdinnen am 4. April 1942 deportiert wurden, zeigte sich der Bürgermeister und SS-General Otto Schottenheim in einem Brief besorgt:

„Ich bin der Meinung, dass alles geschehen muss, um die dadurch aufgetretene Beunruhigung der Bevölkerung und die damit verbundene Mehrbelastung der Behörden so rasch als möglich zu beheben.“

Warum waren die Regensburger beunruhigt, worin bestand die Mehrbelastung? Die Unruhe resultierte nicht etwa aus dem ungewissen Schicksal der Deportierten und die Belastung nicht aus Protesten oder Anzeigen. Er ging um „Judengut“. Um Häuser, Wohnungen, Besitz der Deportierten und um die Begehrlichkeiten seitens der Regensburger Christen und „Deutschgläubigen“.

 

Gierige Bevölkerung sorgte für Mehrbelastung der Behörden

Den Brief Schottenheims fand Waltraud Bierwirth im Zuge ihrer Recherchen für ihr unlängst erschienenes Buch „Die Firma ist entjudet“ Schandzeit in Regensburg 1933 – 1945 in den teils von ihr erstmals ausgewerteten Akten der Oberfinanzdirektion Nürnberg. Dorthin, an den für Regensburg zuständigen Oberfinanzpräsidenten, hatte ihn der Regensburger Bürgermeister am 14. April 1942 geschickt.

Schottenheim schrieb damals, durch die „ erfolgte Evakuierung von 119 Juden sind in Regensburg rd. 30 Judenwohnungen frei geworden; 9 judeneigene Häuser mit 13 Wohnungen“, die in das Eigentum des Reiches übergegangen seien. Wegen der hiesigen großen Wohnungsnot habe „eine außerordentlich rege Nachfrage nach den frei gewordenen Judenwohnungen eingesetzt, die eine überaus große Zahl von Wohnungsgesuchen, verbunden mit einem sehr starken Parteiverkehr beim Finanzamt Regensburg, bei der Polizeidirektion Regensburg und beim Oberbürgermeister ausgelöst hat.“

Eine gierige Bevölkerung produzierte also eine ungewünschte Mehrbelastung der Behörden, die beseitigt werden musste. Dies könne, so Schottenheim, nur

„dadurch erreicht werden, dass die in den Judenwohnungen zurückgebliebenen und zur Verfügung des Reiches stehenden Einrichtungsgegenstände mit größter Beschleunigung entfernt und veräußert werden. Ich bitte, dem hierfür zuständigen Finanzamt Regensburg baldmöglichst entsprechende Weisungen zu erteilen.“

Spektakuläre Funde

Schottenheims Brief von 1942 war, so Bierwirth, ein „Zufallsfund“. Ebenso die Berichte der Regensburger Gestapo von Mai 1943 über die Verhaftung und Beraubung von 36 Sinti und Roma, die in Regensburg und in Orten der Oberpfalz und Niederbayerns wohnten. Diese Funde kann man getrost als spektakulär bezeichnen. Allen bisherigen Forschungen blieben sie bislang verborgen, oder sie haben sich nicht dafür interessiert.

Bierwirth untersuchte für ihr Buch neben den Akten zu 44 „Arisierungsverfahren“ der Regierung der Oberpfalz über 200 „Steuerakten rassisch Verfolgter“, die das Finanzamt Regensburg ins Staatsarchiv nach Amberg übergab. Die Finanzämter nahmen beim Raubzug eine wesentliche Rolle ein.

Im Kapitel „Jüdisches Leben unter dem Hakenkreuz bis 1938“ beschreibt sie die Lebensbedingung der jüdischen Gemeinde nach „der Machteinsetzung Hitlers“ vom 30. Januar 1933. Der Terror gegen Juden ging in Regensburg schon vor dem sogenannten April-Boykott der jüdischen Geschäfte los.

Ende März wurden 107 Personen, darunter etliche Frauen, in sogenannte „Schutzhaft“ genommen. Die meisten wurden am nächsten Tag entlassen, mehrere tagelang, manche monatelang festgehalten. Laut Bierwirth war die treibende Kraft für diese willkürliche Machtdemonstration der Polizeidirektor Hans Georg Hofmann. Unter den am längsten inhaftierten war der Rechtsanwalt und Vorstand der jüdischen Gemeinde Fritz Oettinger. Oettinger, der seit 1924 für die Deutsche-Demokratische-Partei im Stadtrat gesessen war, durfte erst nach sechs Monaten das Gefängnis in der Augustenburg verlassen.

Kaufkräftige Arisierungsprofiteure

Bierwirth greift das Beispiel des Rechtsanwalts Oettinger mehrfach auf und schildert auch das Schicksal seiner Frau Elsa und seiner Kinder Lotte und Paul. Im Zuge des Pogroms vom November 1938 wurde ihre Wohnung verwüstet, er verhaftet und gezwungen am sogenannten „Schandmarsch“ teilzunehmen. Im Anschluss daran wurde Fritz Oettinger nach Dachau verschleppt und im dortigen Konzentrationslager gefangen gehalten. Während dieser Zeit stellte das Regensburger Finanzamt seiner Frau Elsa einen „Sicherheitsbescheid“ über 180.000 RM zu: „Für gegenwärtige und zukünftige Ansprüche auf Reichsfluchtsteuer“. Nachdem Oettinger im Dezember aus dem KZ Dachau entlassen wurde, lagen bereits weitere Forderungen des Finanzamtes vor. In der Vorbereitung der Emigration versuchte die Familie Oettinger ihren Immobilienbesitz zu verkaufen, um die aufgelaufenen Schulden zu begleichen. Diese Notsituation habe sich unter den kaufkräftigen Arisierungsprofiteuren“ – darunter die Brauereibesitzereheleute Kneitinger – herumgesprochen, wie Bierwirth ausführt.

Da an allen damaligen Grundstücksübertragungen der rechtskundige Bürgermeister Hans Herrmann beteiligt war, trat er auch in der Affäre Oettinger auf und verhinderte im Sommer 1939 den Immobilienverkauf mit fadenscheinigen Gründen. Damit verzögerte sich auch die bereits beantragte Emigration des Oettingers über England nach Palästina. Nachdem der Verkauf endlich möglich wurde, blieb vom eigentlich vereinbarten Verkaufspreis von 78.000 RM unterm Strich fast nichts mehr übrig: Die Forderungen des Finanzamtes, die Reichsfluchtsteuer und die sogenannte Judenvermögensabgabe hätten alles aufgezehrt, so Bierwirth. „Mit 10 Mark in der Tasche“ haben die Eheleute Oettinger im August 1939 Deutschland verlassen.

Als 74jähriger kehrte Oettinger 1959 zusammen mit seiner Frau aus Israel nach Deutschland zurück und lies sich in München als Rechtsanwalt nieder.

Die Rolle von NS-Bürgermeister Herrmann

Bierwirths großes Verdienst ist es, etwa mit der Schilderung des Schicksals der Familie Oettinger den Leidensweg Regensburger Juden spannend und berührend zu schildern und dabei auch die Rolle des NSDAP-Mitglieds und SS-Förderers Hans Herrmann einfließen zu lassen. Aus Bierwirths Schilderungen kann man schließen, dass Herrmann die Spezl-Wirtschaft auch im Nationalsozialismus nicht versäumt hat.

Mehrfach wird sein durchgängig gegen entrechtete Juden gerichtetes willkürliches Amtshandeln geschildert. Anders die Arbeit von Siegfried Wittmer (Regensburger Juden, 1996, entlohnt und herausgegeben vom Archiv der Stadt). Darin wird die integrale Tätigkeit von Hans Herrmann im Zuge der „Arisierungen“ komplett ausgeblendet und stattdessen seine medial verbreiteten Schutzbehauptungen aus den Entnazifizierungsverfahren, er habe den jüdischen Friedhof vor der Zerstörung und den Begehrlichkeiten der Nazis bewahrt, wiederholt.

Für das Kapitel „Das Pogrom vom 9. November 1938“ kann sich Bierwirth auf ihr erstes Buch „Das Novemberpogrom und der lange Weg zu einer neuen Synagoge“ (erschienen im wahlhallanet-Verlag) stützen. Dieses hat sie zusammen mit ihrem Mann Klaus Himmelstein bereits 2013 publiziert und damit ebenso eine Lücke in der Regensburger Lokalgeschichtsschreibung geschlossen.

In einem kurzen Abschnitt zu „Euthanasie: Der Mord an jüdischen Kranken“ spricht die Autorin am Beispiel der „altersverwirrten“ 69jährigen Jette Jordan ein in Regensburg kaum beschriebenes Thema an: Die antisemitisch motivierte Tötung der jüdischen Patienten aus der Heil- und Pflegeanstalt Karthaus-Prüll. Zwölf Juden und Jüdinnen wurden laut Bierwirth im September 1940 über Eglfing-Haar nach Schloß Hartheim nahe Linz verbracht und dort mit Kohlenmonoxid-Gas getötet.

Die gewöhnlichen Leute bleiben blass

Was von Waltraud Bierwirth kaum ausgebreitet wird, ist das Verhalten der gewöhnlichen Regensburger und Regensburgerinnen. Diese zahlenmäßig größte Gruppe bleibt bei ihr relativ zu den aktiven Nazifiguren und eigentümlich blass. Während sie im bereits erwähnten Werk Siegfried Wittmers bis zum Überdruss positiv und weißgewaschen herausgeputzt wird.

Von den deutlich umschriebenen „Arisierungsprofiteuren“ abgesehen könnte man bei Bierwirth ab und an meinen, das Verhalten der gewöhnlichen Regensburgerinnen und Regensburger sei vor allem ein Resultat der Nazipropaganda gewesen. Womöglich ist dieser (falsche?) Eindruck auch den von der Autorin herangezogenen Quellen geschuldet, in denen das Verhalten ebendieser großen Gruppe wahrscheinlich keinen Niederschlag gefunden hat.

Nicht nur das Verhalten der „gewöhnlichen Leute“ ist in Regensburg bislang nicht historisch ausgeleuchtet worden. Auch die Rolle der katholischen Kirche, ihrer Hierarchen und Publikationen gehört in diesem Zusammenhang als massive Lücke angesprochen. Die wenigen vorliegenden Arbeiten von kirchenloyalen und kirchenabhängigen Autoren haben in dieser Hinsicht mehr ver- als aufgedeckt.

Nicht nur Nazi-Blätter hetzten

Um konkrete einschlägige Beispiele dafür zu nennen:

Nicht nur einschlägige Naziblätter hetzten anlässlich des April-Boykotts von 1933. So hat beispielsweise auch der Regensburger Bischof Michael Buchberger in seinem Hirtenwort vom Mai die illegalen Vorgänge nicht etwa verurteilt, sondern gerechtfertigt: Die Staatsregierung könne nicht „tatenlos zusehen, wenn einige wenige wirtschaftlich starke Kräfte immer weiter Wirtschaft und Handel fast für sich allein in Beschlag nehmen und die Schwächeren vollständig erdrücken“ würden.

Das unter seiner Verantwortung erschienene Regensburger Sonntagsblatt stellte in einer Aprilausgabe den „planmäßigen Boykott jüdischer Geschäfte, jüdischer Waren, jüdischer Ärzte und jüdischer Rechtsanwälte“ als notwendige und angemessene Reaktion für eine angeblich vorausgegangene Gräuelpropaganda hin, die „die polnische jüdische Presse“ und „sogenannte jüdische Intellektuelle, Schriftsteller usw., denen der Boden in Deutschland zu heiß geworden“ sei, betrieben hätten.

Dass der völkische Staat nicht nur von den Nationalsozialisten als Ultima Ratio angepriesen wurde, zeigt der in München lehrende katholische Religionstheologe Anton Stonner. Dieser hat in mehreren Büchern, vier davon von 1933 bis 1935 im Pustet-Verlag erschienen, versucht, „Germanentum und Christentum“ oder „Nationale Erziehung und Religionsunterricht“ in Einklang zu bringen. Für Stonner ruhte das deutsche Wesen auf einem „ganz bestimmten Rassebestand“, der „vor jeder krankhaften Entartung bewahrt bleiben“ müsse, damit es „die ihm übertragene Sendung auch“ ausüben könne. Das Regensburger Sonntagsblatt empfahl Stonners Machwerke wiederholt wärmstens.

Buch entstand ohne städtische Förderung

Thema der von der Regensburger Journalistin Waltraud Bierwirth vorgelegten Arbeit ist der Prozess der Ausgrenzung, Entrechtung, Enteignung und Vertreibung bzw. Vernichtung der Regensburger Juden. Mit ihrer Publikation, die sie übrigens ohne Förderung seitens der Stadt oder anderer Organisationen stemmte, ist ihr die Darstellung dieses Prozesses anhand gründlich recherchierter Beispiele eindrucksvoll gelungen. Waltraud Bierwirth hat somit einen wichtigen Beitrag zur Erhellung der braunen Stadtgeschichte geleistet.