Kultur und Literatur im Lodzer Getto 1940–1944

Prof. Dr. Krystyna Radziszewska (Universität Łódź)

Zum Vortrag

Das Leben im Lodzer Getto war durch zahlreiche Faktoren determiniert, die ein Ergebnis der nationalsozialistischen Ideologie waren. Die Gettoinsassen versuchten sich dieser bedrohlichen Situation auf allen Ebenen zu entziehen. Unter anderem versuchten sie ihre Freiheit in geistiger Nahrung zu finden. Die Teilnahme am kulturellen Leben bedeutete dabei auch den Erhalt jüdischer Identität. Die kulturellen Aktivitäten wurden zuerst zentral organisiert, so im Kulturhaus, das Theatervorstellungen, zahlreiche Revuen und anspruchsvolle Musikkonzerte auf die Bühne brachte. Es gab auch ein weit verzweigtes Netz von Bibliotheken und anderen kulturellen Räumen. Viele Maler und Bildhauer jüdischer Abstammung wurden im Getto eingesperrt, wo sie ihre künstlerische Tätigkeit fortsetzten.

Trotz ungünstiger Bedingungen, Mangel an Papier und Schreibutensilien wurden Tagebücher geführt und literarische Texte verfasst. Das literarische Leben funktionierte zum Teil im Untergrund, weil die Autoren sich der Politik des „Judenältesten“ widersetzten. Das Spektrum der Themen und Motive in der Gettoliteratur war sehr breit gefächert. Im Archiv des Gettos wurde jeden Tag die Tageschronik verfasst, die zuerst in polnischer und seit 1943 in deutscher Sprache verfasst wurde. Dieser Text, der über zweitausend Seiten zählt, ist heute in beiden Sprachen zugänglich. In den letzten Monaten vor der Auflösung des Gettos haben sich die Chronisten entschlossen, eine Enzyklopädie ihrer Gemeinschaft zu verfassen.

Der Vortrag führt in die Kultur-, Kunst und Literaturlandschaft des Lodzer Gettos in den Jahren 1940–1944 ein.

 

Zur Person

Krystyna Radziszewska vom Institut für Germanistik der Universität Łódź ist Autorin zahlreicher Publikationen zum sozialen und kulturellen Leben der Juden und Deutschen in Łódź sowie von Artikeln über Literatur und Kultur im Lodzer Ghetto. Ihre Monographie Flaschenpost aus der Hölle. Texte aus Lodzer Getto (2011) ist der Kultur und Literatur im Ghetto Łódź gewidmet. Sie ist Mitherausgeberin der fünfbändigen Chronik des Ghettos Łódź/Litzmannstadt (2009) und der Enzyklopädie des Ghettos Łódź (2014). In den Jahren 2012–2017 leitete sie im Rahmen des polnischen Nationalen Programms für die Entwicklung der Geisteswissenschaften (NPRH) das Projekt „Kultur und Literatur der Łódźer Juden 1918–1950. Kritische Quellenausgabe“, die die Veröffentlichung von sechs Bänden mit Quellentexten umfasst. Die weiteren NPRH-Projekte sind „Literarische Kultur von Łódź bis 1939“ (6 Bände), „Jiddische Avantgarde von Łódź“ (4 Bände) und seit 2024 „Jüdische Erinnerungsbücher von Łódź (Yizkor books)“. Krystyna Radziszewska ist Mitherausgeberin der Verlagsreihe „Łódzkie Judaica“ (Lodzer Judadica). Sie ist Preisträgerin des polnisch-deutschen Copernicus-Preises 2022 für die Erforschung des Holocaust.

 

Datum

24 Jun 2026

Uhrzeit

19:00
Jüdisches Gemeindezentrum Regensburg

Ort

Jüdisches Gemeindezentrum Regensburg
Am Brixener Hof, 2, 93047 Regensburg
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